Aktuelles Podiumsdiskussion „Datenethik in der Medizin“ am RheinAhrCampus führte zu spannenden Kontroversen

KOBLENZ/REMAGEN. Ist es ethisch gerechtfertigt, Gesundheitsdaten von Patientinnen und Patienten für die Forschung zu verwenden, um damit neue Behandlungsmethoden zu entwickeln? Welche Sicherheitsstandards sind nötig, um die Daten zu anonymisieren und zu schützen? Und wie sind Krankenhäuser für die Digitalisierung aufgestellt? Diese und weitere spannende Fragen diskutierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik bei der Podiumsdiskussion „Datenethik in der Medizin“ am RheinAhrCampus Remagen der Hochschule Koblenz. Diese sehr gute besuchte Veranstaltung bildete den Abschluss der Veranstaltungsreihe „Biomathematik – Mathe fürs Leben“ im Rahmen der Kleine Fächer-Wochen, einer Initiative der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) an der Hochschule Koblenz.

  • Von links: Dr. Michael Meister, Jan Eric Bökenkamp, Master Student mit Schwerpunkt Biomathematik, Doktorandin Xiaoxiao Zhang und Prof. Dr. Maik Kschischo.

  • Von links: PD Dr. Andreas Klein, Dr. Rupprecht Milojcic, Prof. Dr. Geraldine Rauch, Prof. Dr. Christof Schenkel-Häger und Dr. Michael Meister.

  • Doktorand Marcell Wolnitza (rechts) mit Dr. Michael Meister

  • Doktorand Dominik Kahl und Philipp Wendland, Master Student mit Schwerpunkt Biomathematik, im Gespräch mit Dr. Michael Meister (rechts)

  • Prof. Dr. Kristian Bosselmann-Cyran, Präsident der Hochschule Koblenz

Vor der eigentlichen Podiumsdiskussion hielt PD Dr. Andreas Klein einen Impulsvortrag zum Thema „Datenethik in der Medizin“. Darin stellte er die sich rasant entwickelnden technischen Möglichkeiten und die sich daraus ergebenden Chancen für die Forschung und das Patientenwohl den aktuellen datenschutzrechtlichen Bedenken gegenüber. So stellte er beispielsweise Künstliche Intelligenzen vor, die in der Lage seien, innerhalb von Sekunden eine Million Symptome abzugleichen und passende Krebstherapien vorzuschlagen, und die ebenso Psychosen, Demenz, Arthrose, Herzinfarkt und Hirntumore in einem frühen Stadion erkennen könnten – vorausgesetzt, sie verfügten über die dazu notwendigen Datensätze. „Digitalisierung braucht kritische ethische Reflexion und das Selbstbestimmungsrecht der Menschen“, betonte Klein, warnte jedoch davor, Ängste und Bedenken zur Dauerbremse für den Fortschritt werden zu lassen. In diesem Zusammenhang verwies er auf Erfahrungen und Lösungen in anderen Ländern, beispielsweise die Einführung und die Vorteile der elektronischen Gesundheitsakte in Österreich.

Wie vielschichtig das Thema „Datenethik in der Medizin“ ist, zeigte schon das ebenso breit gefächerte Podium: Zu Dr. Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, gesellten sich PD Dr. Andreas Klein von der Universität Wien und Inhaber der Ethik Consulting Klein GmbH, sowie Dr. Rupprecht Milojcic, Geschäftsführer der DaMedic GmbH Köln, und Prof. Dr. Christof Schenkel-Häger, Arzt bei der Marienhaus Kliniken GmbH und Professor am Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Hochschule Koblenz. Die Runde moderierte Prof. Dr. Geraldine Rauch, Direktorin des Instituts für Biometrie und Klinische Epidemiologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin. „Wir verpassen den medizinischen Fortschritt und können uns Herausforderungen wie etwa dem demographischen Wandel und dem Ärztemangel auf dem Land nicht stellen, wenn wir den Spagat zwischen Chancen und Risiken der Datennutzung nicht schaffen“, erklärte Schenkel-Häger. Er nannte konkrete Beispiele aus dem Klinikalltag, in denen eine ausreichende technische und personelle Ausstattung sowie ein pragmatischer Umgang mit den Daten das Patientenwohl steigern könnten. „Die Ärztinnen und Ärzte werden auch in Zukunft die Entscheidungen treffen“, so Milojcic, „aber Künstliche Intelligenz könnte ihnen viel administrative Arbeit abnehmen.“ Bei der Podiumsdiskussion zeigte sich die Notwendigkeit, die Kontroverse um die ethisch korrekte Verwendung der Daten nicht der Politik und der Wirtschaft zu überlassen, sondern in die breite Bevölkerung hineinzutragen. So betonte Staatssekretär Dr. Meister: „Wir müssen die Vorteile der Nutzung von Daten für die Forschung, die Gesellschaft und den Einzelnen stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.“ Das Publikum nutzte die Gelegenheit, mit den anwesenden Expertinnen und Experten zu diskutieren und ihnen unter anderem auch die Bedenken hinsichtlich der korrekten Verwendung ihrer Daten mitzuteilen.

Dem Impulsvortrag und der Podiumsdiskussion vorangegangen war eine Posterausstellung, in der Doktorandinnen und Doktoranden des Studiengangs Biomathematik ihre Promotionsthemen präsentierten. Der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Meister, selbst von Hause aus promovierter Mathematiker, zeigte großes fachliche Interesse an den einzelnen Forschungsprojekten und hatte entsprechend eine ganze Reihe von Rückfragen an die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In seinem Grußwort hob er die große Bedeutung von Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in der deutschen Bildungslandschaft hervor. Auch stellte er die besondere Rolle von „kleinen Fächern“ wie eben den nun durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Studiengang Biomathematik heraus: „Sie sind stark profilbildend für die jeweilige Hochschule.“ Dem Studiengang Biomathematik selbst bescheinigte Meister einen hohen Nutzen durch seine Interdisziplinarität: „Biologie und Medizin werden immer komplexer. Da ist es sinnvoll, sich einer Analysetechnik wie der Mathematik zu bedienen, um die Zusammenhänge besser zu verstehen.“

Von den im Rahmen der „Kleine Fächer-Wochen“ gewährten Fördermitteln hatte der Fachbereich Mathematik und Technik der Hochschule Koblenz am RheinAhrCampus Remagen einen Informationstag für Schulen, eine Ringvorlesung sowie die Podiumsdiskussion „Datenethik in der Medizin“ organisiert, um die Öffentlichkeit über das zukunftsweisende Fach Biomathematik aufzuklären. Teil der Kampagne war auch ein Imagefilm, den Studiengangsleiter Prof. Dr. Maik Kschischo bei der Podiumsdiskussion erstmals einem breiteren Publikum zeigte.

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