VI. KiTa-Kongress Rheinland-Pfalz an der Hochschule Koblenz ermöglichte 300 Fachleuten Austausch

24.09.2022

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Mehr als 300 Fachleute aus Praxis, Politik, Verwaltung, Lehre, Beratung, Elternvertretungen, Weiterbildungseinrichtungen aus den Bereichen der Kindertagesbetreuung in Kindertagesstätten und der Kindertagespflege nahmen am Weltkindertag am VI. KiTa-Kongress Rheinland-Pfalz an der Hochschule Koblenz teil. Sie waren der Einladung des Institutes für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit | Rheinland-Pfalz (IBEB) und des rheinland-pfälzischen Bildungsministerium gefolgt, um sich zum Thema „Kinder als Quelle oder Randnotiz? Diskurse über ihre Rolle in der pädagogischen Arbeit, Forschung und Politik“ auszutauschen.

  • KITA-Kongress 2022

    von links: Prof. Dr. Ralf Haderlein, Prof. Dr. Armin Schneider, Prof. Dr. Karl Stoffel, Prof. Dr. Marc-Ansgar Seibel und Dr. Stefanie Hubig (zugeschaltet)

  • KITA-Kongress 2022

    Lara Salewski von der Evangelischen Kirche im Rheinland beim Austausch in einem der Foren (Fotos: IBEB/Thomas Frey)

Die Veranstaltung startete mit einem von Prof. Dr. Ralf Haderlein, Vizepräsident für Studium und Lehre an der Hochschule Koblenz, kurzweilig moderierten Begrüßungspodium. „Welche Haltung vertreten Sie und wie kann es gelingen, die Kinderperspektive mehr einzubeziehen?“ wollte er gleich zu Beginn von den Podiumsteilnehmenden wissen. „Kinder haben eigene Ideen und Perspektiven, sie müssen als eigenständige, individuelle Personen angenommen und in ihrer Entwicklung gefördert werden. Deshalb haben wir im neuen Kita-Gesetz auch ihre Mitbestimmungsrechte im Kita-Alltag gestärkt“, betonte Dr. Stefanie Hubig, Ministerin für Bildung Rheinland-Pfalz. Dies müsse in der Praxis auch weiterverfolgt und gestärkt werden, so Prof. Dr. Marc-Ansgar Seibel, Prodekan des Fachbereichs Sozialwissenschaften. Insbesondere während der Corona-Pandemie seien die Kinder mehr Objekte als Subjekte gewesen, eine Scheinpartizipation. Der Präsident der Hochschule Koblenz, Prof. Dr. Karl Stoffel, zeigte die besondere Rolle der Hochschule und ihrer Studiengänge beim Einüben von Partizipation auf. Was kann getan werden? „Einfach vorleben!“ konstatierte Prof. Dr. Armin Schneider, Direktor des IBEB. Kinder müssten als Querschnitt in allen Politikfelder Berücksichtigung finden.

Es müssen Wagnisse eingegangen werden, forderte Prof. Dr. Wolfgang Beudels von der Hochschule Koblenz in seinem inspirierenden Vortrag „Rolle vorwärts, Rolle rückwärts“. Auf einen Baum zu klettern lerne man beim Tun. Fallen lerne man beim Fallen. Mit zunehmender Selbstsicherheit komme dann die Überzeugung, auch kritische Situationen zu meistern. „Wagnisse haben einen Bildungsgehalt, mehr noch, einen Bildungsanspruch“, so Beudels, der die Rolle der Kinder als Substantiv, als Gegenstand, als Ziel und vor allem auch als Imperativ versteht. „Machen Sie einen Purzelbaum!“ ermunterte er die Zuhörenden zum Schluss seines Vortrages.

Bastian Walther, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration Berlin (DESI), identifizierte im Rahmen seines nach dem Zitat eines Kindes betitelten Vortrags „Dann könnt mer das ins Radio setzen“ über das Forschen mit Kindern im Kindergartenalter das Risiko, das Gefährliche und gleichzeitig das Thematisieren von Grenzen als wichtige Dimensionen für Kinder. Gleichzeitig verdeutlichte er die Herausforderungen und die Dilemmata, die in der Forschungspraxis mit Kindern aufträten. Insbesondere der Eigensinn der Kinder treffe immer wieder auf den Eigensinn der Forschenden, sodass die Ideen der Kinder in der Konsequenz neben den Ideen der Erwachsenen stehen blieben. Dabei müsse es gelingen, die Interessen der beweglichen und spontanen Akteurinnen und Akteure aufzugreifen, so wie Walther dies selbst einmal tat, als die Kinder lieber Witze erzählen wollten, als sich an seiner Forschung zu beteiligen: „Ich lache drüber und will noch mehr hören.“

Neben Humor sieht Professorin Dr. Kathinka Beckmann von der Hochschule Koblenz beim Thema Partizipation von Kindern auch noch große Leerstellen. In ihrem Vortrag „Kinder als Bürger:innen zweiter Klasse?!“ hob sie den Status der Kinder als Bürgerinnen und Bürger hervor, dem nicht immer gerecht, der teilweise sogar unterwandert werde. Gerade die Beschränkungen im Rahmen der Corona-Pandemie haben den Kindern und Jugendlichen in Deutschland zugesetzt, was sich zum Beispiel am sogenannten Cave-Syndrom zeige, bei dem Kinder Schwierigkeiten haben, an die Normalität anzuknüpfen. Die Kinder seien degradiert worden zu gefährdenden Betreuungsobjekten. Erklärungen, wie etwa die zahlenmäßige Minderheit der Kinder in Deutschland oder die erneute Nicht-Aufnahme der Kinderrechte im Grundgesetz, rechtfertigen nicht den wenig partizipativen Umgang mit der vulnerablen Gruppe der Kinder. Folglich müsse die Rückbesinnung auf den Kern des Begriffs der Demokratie und die Stärkung der Grammatik des Zusammenlebens mit all ihren gelebten Werten fokussiert werden.

In zehn Impulsforen wurde das Thema des Kongresses aus pädagogischen, forschungsrelevanten, administrativen, politischen und Ausbildungs-Perspektiven mit Impulsen der Referentinnen und Referenten vertieft und auf die unterschiedlichen Situationen in der Praxis angewandt. Gefragt wurde unter anderem, wie es möglich sei, mit Kindern „auf Augenhöhe“ zu arbeiten. Eine Teilnehmerin verdeutlichte: „Es handelt sich nicht um werdende Kinder, sondern um seiende Kinder“. Und in Bezug auf Politik brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt: „Politikverdrossenheit der Jugend wird provoziert, indem man die Jugend ignoriert.“ Auch wurden Perspektiven der Ausbildung mit dem Blick auf andere Länder und deren Erfahrungen zum Beispiel mit einer gemeinsamen Ausbildung von pädagogischen Fachkräften für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen diskutiert.

In Pausen konnten die Teilnehmenden die Themen in angenehmer Hochschul-Atmosphäre vertiefen, sich austauschen und netzwerken. Alle waren sich schnell einig, dass Kinder als Quelle mehr ernst- und wahrgenommen werden müssen, eben auch, indem Erwachsene ihnen konzentriert zuhören. Das entspricht auch der Forderung des fünfjährigen Darius, der zur Vorbereitung der Veranstaltung zusammen mit anderen Kindern dazu befragt worden war, was Erwachsene benötigen, um Kinder ernst zu nehmen: „Die Erwachsenen brauchen Ohren, weil sonst wissen die nicht, was die Kinder sagen.“

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