„Kinder vor Gericht“: Realitätsnaher Gerichtstag im Studium Generale (FB Sozialwissenschaften)

25.06.2026

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Wie verlaufen Gerichtsverfahren, in denen das Wohl eines Kindes im Zentrum steht – und welche Verantwortung tragen Fachkräfte der Sozialen Arbeit? Ein interdisziplinäres Seminar an der Hochschule Koblenz verband juristische Praxis, sozialwissenschaftliche Rollenreflexion und ästhetisch-künstlerische Auseinandersetzung.

  • Gerichtssaal

    Gerichtssaal Quelle: HS Koblenz/Baghai-Thordsen

  • Wappen

    Wappen Quelle: HS Koblenz/Baghai-Thordsen

  • Koffer des Kindes

    "Koffer des Kindes" Quelle: HS Koblenz/Baghai-Thordsen

  • Künstlerische Arbeit

    Künstlerische Arbeit Quelle: HS Koblenz/Baghai-Thordsen

Mitte Juni verwandelten sich ein Seminarraum und der angrenzende Hochschulflur in einen Gerichtssaal und einen Gerichtsflur. Im Seminar „Kinder vor Gericht“ erhielten Studierende der Sozialen Arbeit einen unmittelbaren Einblick in Verfahren, in denen über das Wohl und die Interessen von Kindern verhandelt wird. Ins Leben gerufen wurde das Format von Prof. Dr. Marie-Luise Kohne, die als Rechtsanwältin bundesweit Kinder vor Gericht vertritt. Gemeinsam mit Prof. Dr. Miriam Baghai-Thordsen setzte sie das Seminar im Studium Generale der Hochschule Koblenz um.

Gerichtsverfahren mit Kindeswohlbezug sind der Öffentlichkeit in der Regel nicht zugänglich. Gleichzeitig können Fachkräfte der Sozialen Arbeit aus unterschiedlichen institutionellen Positionen an ihnen beteiligt sein und dort zentrale Aufgaben übernehmen. Sie bringen fachliche Einschätzungen ein, vertreten institutionelle Aufträge und tragen dazu bei, dass die Lebenssituation und die Perspektive des Kindes im Verfahren angemessen berücksichtigt werden.
Das Seminar schuf deshalb einen geschützten, laborartigen Erprobungsraum. Die Studierenden konnten die Logik eines gerichtlichen Verfahrens nicht nur theoretisch kennenlernen, sondern professionelle Rollen unter weitgehend realitätsnahen Bedingungen einnehmen, erproben und anschließend differenziert reflektieren.

Juristische Vorbereitung und sozialwissenschaftliche Rollenarbeit

Die Vorbereitung erfolgte aus zwei eng miteinander verbundenen fachlichen Perspektiven. Prof. Kohne führte die Studierenden an die konkrete Fallkonstellation, die juristische Verfahrenslogik und die Anforderungen der beteiligten Positionen heran. Dabei vermittelte sie zugleich, welche rechtlichen, institutionellen und kommunikativen Herausforderungen in Verfahren entstehen, in denen unterschiedliche Einschätzungen zum Wohl eines Kindes aufeinandertreffen.
Prof. Baghai-Thordsen ergänzte diese Vorbereitung um sozialwissenschaftliche sowie szenisch-performative Zugänge. Im Mittelpunkt standen das Verständnis der eigenen Rolle, institutionelle Erwartungen, Sprache und Körpersprache, Präsenz im Raum sowie die Wirkung von Stimme, Haltung und räumlicher Positionierung. Mit Methoden der Rollenarbeit setzten sich die Studierenden damit auseinander, wie professionelle Autorität hergestellt wird, wie Unsicherheit sichtbar werden kann und wie institutionelle Rollen das Wahrnehmen, Sprechen und Handeln beeinflussen.

Begleitet wurde der Gerichtstag von Studierenden der Sozialen Arbeit aus dem Modul 21a bei Prof. Baghai-Thordsen. Sie gestalteten den Hochschulflur als Gerichtsflur, richteten eine Sicherheitskontrolle ein und verwandelten den Seminarraum in einen Gerichtssaal. Eigene Objekte, Bilder, Symbole und räumliche Interventionen ergänzten das Setting. Die Gestaltung blieb dabei nicht bloße Kulisse: Sie machte erfahrbar, wie Zugangskontrollen, Sitzordnungen, Roben, erhöhte Positionen und ritualisierte Abläufe die Wahrnehmung und das Verhalten der Beteiligten strukturieren.

90 Minuten Verhandlung unter realitätsnahen Bedingungen

Nach der Sicherheitskontrolle betraten das Gericht in Robe und die weiteren Verfahrensbeteiligten den Saal. Die Verhandlung wurde von zwei Richterinnen geleitet. Prof. Kohne übernahm als „Richterin 1“ eine zentrale Rolle und setzte gezielt unerwartete Nachfragen und rhetorische Wendungen ein. Dadurch waren die Studierenden gefordert, ihre vorbereiteten Rollen nicht lediglich abzurufen, sondern fachlich begründet, spontan und unter situativem Druck zu handeln.

Rund 90 Minuten wurde ohne Unterbrechung verhandelt. Die konzentrierte Atmosphäre vermittelte den Ernst und die hohe kommunikative Dichte gerichtlicher Verfahren. Unterschiedliche professionelle Einschätzungen, institutionelle Aufträge und Deutungen der Fallkonstellation mussten aufgenommen, gegeneinander abgewogen und sprachlich präzise vertreten werden.

Anders als in einem realen nicht öffentlichen Verfahren waren in der Lehrsimulation Zuschauende zugelassen. Während sich das Gericht zur Beratung zurückzog, stimmten die Anwesenden auf Grundlage des Gehörten über den möglichen Ausgang des Verfahrens ab – in Anlehnung an die partizipative Dramaturgie der Gerichtsdramen Ferdinand von Schirachs.

Nachdem sich der Saal erhoben hatte und das Gericht erneut eingetreten war, wurde ein differenziert begründetes Urteil verkündet. In seiner Grundausrichtung entsprach es dem Votum, zu dem auch die Mehrheit des Publikums gelangt war.

Professionelle Rollen zwischen Fachlichkeit und Performativität

Im Anschluss wurde die Verhandlung rollenbezogen ausgewertet. Prof. Kohne moderierte die Analyse mit Blick auf die rechtlichen, institutionellen und kommunikativen Hürden der einzelnen Positionen. Dabei wurde sichtbar, dass professionelles Handeln vor Gericht nicht allein von Fachwissen abhängt, sondern ebenso davon, wie Informationen eingebracht, Nachfragen beantwortet und die Grenzen der eigenen Zuständigkeit eingehalten werden.

Prof. Baghai-Thordsen erweiterte die Auswertung um die performative Dimension des Geschehens: Welche Wirkung erzeugen Stimme, Haltung und Blickkontakt? Wie verändern Sitzpositionen und räumliche Distanzen die Kommunikation? Was geschieht, wenn fachliche Einschätzung, persönliche Betroffenheit und situativer Handlungsdruck in Spannung geraten? Und wie lässt sich eine professionelle Rolle einnehmen, ohne die Perspektive und Individualität des betroffenen Kindes hinter institutionellen Routinen verschwinden zu lassen?

Der Gerichtstag machte deutlich, wie komplex Verfahren mit Kindeswohlbezug sind und welche hohen Anforderungen sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben. Gefordert sind rechtliches Orientierungswissen, fachliche Urteilsfähigkeit, Rollenklarheit, kommunikative Präzision und die Fähigkeit, die eigene Wirkung und institutionelle Macht kritisch zu reflektieren.

Eine anschließende Ausstellung der Studierenden aus dem Modul 21a erweiterte die Verhandlung um ästhetisch-künstlerische Perspektiven. Gemälde, Objekte und räumliche Arbeiten thematisierten die Erfahrungen von Kindern, konkurrierende Wahrnehmungen sowie die Spannung zwischen Schutz, Entscheidung und dem Erleben, dass andere über das eigene Leben verhandeln. Auf diese Weise verband das Seminar juristische Praxis, sozialwissenschaftliche Reflexion, Rollenarbeit und ästhetische Bildung zu einem vielschichtigen Lernraum.


Weiter Informationen zum Studiengang Soziale Arbeit:

www.hs-koblenz.de/studieninteressierte/bachelor-soziale-arbeit-praesenz