Sascha Gieraths at Kaunas University of Technology, Lithuania

Ich habe mein Auslandssemester (Sommersemester 2012) in Litauen an der Kaunas University of Technology gemacht. Kaunas ist mit mehr als 350.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Litauen und die KTU mit mehr als 16.000 Studierenden eine der größten Unis im Baltikum. Dementsprechend sind die Einwohner der Stadt Kaunas ziemlich jung und sprechen überwiegend auch Englisch.

Warum Litauen?

Warum habe ich ausgerechnet Litauen gewählt, war wohl die meist und häufigste gestellte Frage vor und während meines Auslandssemesters. Die meisten Studenten gehen nach Amerika, Australien oder in die skandinavischen Ländern, jedoch stand für mich damals schon fest, dass ich etwas anderes mache. Warum ich aber ausgerechnet Litauen gewählt habe, kann ich gar nicht genau sagen. Zwar hat mich Osteuropa schon immer fasziniert, dennoch hätte ich mir früher nie vorstellen können, dass ich jemals ein halbes Jahr in Osteuropa verbringen würde. Vielleicht hat mich das Unwissen über Länder wie Litauen gereizt oder sogar, dass es Jahre her ist, dass Studenten von meiner Hochschule dort waren. Ich glaube am ausschlaggebendsten war, dass ich durch mein Studium am RheinAhrCampus ein Jahr zuvor eine Erasmusstudentin aus Litauen kennengelernt hatte, die bereit war mich in den ersten Wochen in Kaunas zu unterstützen und somit wurden mir die größten Ängste schon am Anfang genommen. Auf jeden Fall würde ich diese Wahl noch einmal treffen.

Vorbereitung

Da ich schon jemanden in Litauen kannte, hat sich die Vorbereitung und Informationsbeschaffung über Litauen bei mir ziemlich einfach gestaltet. Zudem waren die benötigten Unterlagen, wie Krankenversicherung, ISIC-Studentenausweis und die nächsten Schritte für ein erfolgreiches Auslandssemester dank einer Checkliste meiner Fachhochschule sehr schnell erledigt. Des Weiteren bekommt man nicht nur Hilfe von Seite der eigenen Hochschule, sondern wird auch schon vor der Ankunft durch ein speziell aufgebautes Mentoren-Programm der KTU für Erasmusstudenten (ESN-Programm), tatkräftig bei der Organisation unterstützt. Dabei bekommt jeder Erasmusstudent einen Studenten der KTU als Mentor zugeteilt, welcher stets mit Rat und Tat zur Seite steht sowie viele Trips und Veranstaltungen organisiert.

So war bspw. die Anreise auch kein großes Problem, mein Mentor empfing mich freundlich am Flughafen und hat mich nicht nur zu meinem Wohnheim begleitet, sondern auch die ersten formellen Belange erledigt. Jedoch läuft die Organisation vor und während des Auslandsemesters überwiegend über Facebook, was somit als „must have“ vorausgesetzt wird. Also keine Panik, wenn du nach Litauen gehen möchtest, auch wenn du niemanden in Litauen kennst! Du bist nicht allein!

Kaunas besitzt lediglich einen Ryanair Flughafen, der nur von Frankfurt/Hahn erreichbar ist. Der nächste größere Flughafen ist in der Hauptstadt Vilnius, welche eine sehr gute Zugverbindung zu Kaunas hat. Die Frage der Zahlungsmethode, ob Kreditkarte oder neues Konto in Litauen, muss jeder für sich selber entscheiden. Ich sah in der Kreditkarte für mich die beste Lösung, da man fast überall mit Kreditkarte bezahlen konnte und ich dies schon in vornhinein in Deutschland organisieren konnte.

Studium

Die KTU ist keine Campus-Uni, wie es der RheinAhrCampus ist. Sie besteht aus mehreren Fakultäten, die in der Stadt verteilt sind. Es werden englischsprachige Kurse von Master und Bachelor an mehr als 15 Fakultäten angeboten, von Faculty of Economics and Management über Faculty of Civil Engineering and Architecture bis zu Faculty of Humanities. Kurz gesagt hat fast jeder die Möglichkeit, fachspezifische Fächer zu besuchen die möglicherweise auch im eigenen Studium in Deutschland anerkannt werden können. Des Weiteren bietet die KTU zahlreiche Sprachkurse an, neben Englisch können auch Russisch, Litauisch, Spanisch und viele mehr gelernt werden.

Das Studiensystem unterscheidet sich sehr stark von dem in Deutschland. Da die Kursgröße selten die Zahl 25 überschreitet, können die Dozenten besser auf die einzelnen Teilnehmer eingehen. Zudem werden mehrere über das ganze Semester verteilte Hausaufgaben, Vorträge und mündliche Prüfungen benotet, die dann in die Endnote eingehen. Zusätzlich wird in der Mitte und am Ende des Semesters in jedem Kurs ein Test geschrieben, welcher jeweils mit max. 30% in die Endnote eingeht. Darüber hinaus ist es manchmal möglich, Tests oder Vorträge vorzuschieben oder sogar nachzuholen, wenn man bspw. aufgrund einer geplanten Reise am vorgegebenen Termin nicht teilnehmen kann. Die Dozenten zeigen dafür meistens Verständnis.

Während meines Auslandssemesters in Litauen habe ich drei Kurse besucht

  • Lithuanian for Foreigners (level 1), Faculty of Humanities
  • Business-Communication, Faculty of Social Sciences
  • English for Foreigners (Level B1), Faculty of Humanities

Mein Ziel mit dem Kurs „Lithuanian for Foreigners“ war es nicht die Sprache Litauisch zu erlernen, da dafür ein halbes Jahr eindeutig zu wenig Zeit ist. Jedoch ist es eine sehr gute Gelegenheit sich eine bestimmte Basis an Grußformeln, Nummern, kurze Dialoge und Fragen für den Alltag anzueignen. Was mir wiederum den Alltag in Kaunas erheblich erleichtert hat, allein deshalb, da größtenteils nur junge Menschen Englisch sprechen können und es so gut wie keine Beschreibungen auf Englisch gibt. Daher ist dieser Kurs für jeden Erasmusstu-dierenden sehr empfehlenswert.

Der Kurs „Business-Communication“ war der einzige Kurs, in dem ich nicht nur mit Erasmusstudierenden zusammengearbeitet habe, da es ein offiziel-ler Kurs aus dem Bachelor war. Der Kurs bestand aus einer Theorie- und einer Praxiseinheit. In der Theorievorlesung hat die Dozentin uns Theoriewissen mithilfe eines Skripts vermittelt, welches in der Praxiseinheit dann angewandt werden sollte. Unter anderem wurden Punkte besprochen wie erfolgreiches Bewerben und Bewerbungsgespräche, Gruppenarbeit und deren optimale Optimierung, Meetings und Teamrollen uvm. Am Ende jedes Kapitels wurde jeder Student bewertet, indem dieser z.B. einen Vortrag halten musste.

Der Kurs “English for Foreigners”, ist wie der Kurs „Lithuanian for Foreigners“, ein speziell aufgebauter Kurs für Austauschstudenten und war wohl der Kurs, der mir am meisten etwas gebracht hat. Zu Beginn wurde das Englischniveau von jedem Austauschstudenten mithilfe eines Sprachtests ermittelt und in Gruppen eingeteilt. Die Gruppen waren meistens nicht größer als 10 Teilnehmer, womit der Dozent sich intensiver mit jedem beschäftigen konnte. Englisch wurde gelehrt indem miteinander nur Englisch gesprochen werden konnte. Wie auch anders, wenn die Studierenden mehr als 5 unterschiedliche Muttersprachen haben. Anfangs war es zwar sehr gewöhnungsbedürftig, insbesondere da mein Englischniveau sehr niedrig war, jedoch konnte mir nichts Besseres passieren als dieser Frontalunterricht, um Englisch zu lernen. Tests wurden nach jedem Kapitel geschrieben. Allerdings wurde nicht nur das Schriftliche bewertet, sondern auch das Hören und Verstehen von Videos und Texten.

Unterkunft & Leben in Kaunas

Es bestehen zwei Möglichkeiten der Unterkunft in Kaunas. Entweder man sucht sich selbst ein Apartment in der Stadt oder nimmt ein Zimmer im Wohnheim. Preislich und räumlich sind die Apartments nicht vergleichbar mit Deutschland, eine 40 m²-Wohnung kostet warm zwischen 150 – 200 Euro monatlich. Jedoch empfehle ich jeden das Leben im Wohnheim, es ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, allerdings findet man keine leichtere Gelegenheit andere Erasmusstudierende zu treffen und sein Englisch zu verbessern. Ich habe in einem Einzelzimmer im Wohnheim gelebt und die erlebte Atmosphäre ist nur schwer in Worte zu fassen. Drei Studenten wohnen in jeweils einem Wohnblock, welcher aus einem Einzel- (max. 130 Euro/ Monat), einem Doppelzimmer (max. 100 Euro/ Monat) und einem Badezimmer besteht. Das Wohnheim besteht aus 5 Fluren. In jedem Flur leben zwischen 15 – 21 Menschen die sich eine Großküche teilen, welcher zugleich der Mittelpunkt von Allem ist. Zwar wurde auch hier viel diskutiert und gestritten, aber desto mehr wurde auch gemeinsam gefeiert und neue Freundschaften geschlossen.

Des Weiteren bietet das Wohnheim im Kellergeschoss eine Wäscherei und einen Fitnessraum an. Allerdings sind die Regeln des Wohnheims sehr streng. Der Eingang wird von einem Pförtner 24h kontrolliert, die Gänge und die Küchen werden videoüberwacht und bei schwerwiegenden Verstößen, kann man sogar aus dem Wohnheim geworfen werden. Was natürlich seine Vor- und Nachteile hat.

Ein großer Vorteil des Wohnheims ist die gute Lage, direkt gegenüber liegen zwei große Fakultäten, der nächste Supermarkt ist nur 5 min zu Fuß entfernt und eine gute Busverbindung in die City gibt es auch. Die Busse fahren alle 2-3 min und eine Fahrt bis zum City Center dauert auch nur an die 10min. Zudem sind die Transportmittel Bus und Taxi sehr günstig. Ein Dreimonatsticket für alle Busse kostet an die 15 Euro und eine 20minutige Taxi meistens nicht mehr als 6 Euro. Was vor allem im Winter, der ziemlich kalt und nicht zu unterschätzen ist, ein Segen ist.

Freizeit

Es ist so gut wie unmöglich, dass Langeweile in Kaunas aufkommt. Kaunas bietet unglaublich viele Freizeitgestaltungsmöglichkeiten an. Von Sportangeboten wie Schwimmen oder Schlittschuhlaufen über Klettern bis hin zu Paintball spielen. Darüber hinaus findet fast jeden Abend irgendwo ein Event statt. So ist jeden Dienstagabend eine Karaokeparty im Dzem Pub der nicht nur sehr beliebt ist bei Austauschstudenten, sondern auch bei den litauischen Studenten, die sehr kontaktfreudig sind. Daher findet man auch sehr schnell einheimische Freunde. Was vor allem nochmal durch die Aktivitäten verstärkt wird, die die Mentoren organisieren, wodurch sich sehr schnell eine enge Gemeinschaft zwischen den Studierenden bildet. So wurden bspw. in regelmäßigen Abständen Spieleabende mit den Mentoren und anderen litauischen Studenten veranstaltet.

Der Höhepunkt waren aber mit Abstand die von den Mentoren organisierten Reisen nach Riga, St. Petersburg und Moskau. Überdies bietet Kaunas sehr viele Möglichkeiten zum Reisen an, aufgrund der günstigen Preise für Reisebusse und Ryanair Flüge. So wurden unter anderem Trips nach Riga, Vilnius, Talinn, Krakau und sogar nach Oslo von den Erasmusstudierenden selbst organisiert. Daneben bietet aber auch Litauen eine Vielzahl an wunderschönen Plätzen an, wie z.B. die Hafenstadt Palanga oder der Kurort Druskininkai mit einer Vielzahl von schönen Seen. Natürlich genoss man als Student auch gelegentlich das Nachtleben in Kaunas, welches sehr speziell und einzigartig ist. Die Kontrollen in den Clubs sind zwar strenger als in Deutschland und meistens kann man nur mit 21 Jahre in die Clubs kommen, jedoch sind die Partys eine einmalige und gute Erfahrung.

Fazit

Mein Erasmussemester in Litauen war mit Abstand eine der besten Erfahrung, die ich jemals gemacht habe. Ich habe unglaublich viel gelernt. Ich habe nicht nur mein Englisch auf ein selbstsicheres Niveau verbessert sondern auch mich persönlich stark weiterentwickelt. Es war zwar anfangs sehr schwierig zu Recht zu kommen, da alles verschieden zu Deutschland war und auch bis erst mal die ersten Sprachbarrieren zwischen den Studenten gebrochen waren dauerte es ein bisschen. Aber auch die Hürde, in einem Land zu leben, in dem man nicht die Muttersprache spricht, hatte seinen Reiz gehabt. Aber erst recht wegen dieser gemeinsamen Probleme wurden sehr schnell enge Freundschaften geschlossen. So hätte ich nie geglaubt, dass ich jemals einen guten Freund in Korea habe, mit dem ich einen 2-wöchigen Europatrip nach Beendigung des Erasmusstudiums machen würde. Mein persönliches Highlight war allerdings das Leben im Wohnheim mit unterschiedlichen Kulturen und deren unterschiedlichen Eigenheiten.

Ich kann jedem nur raten, nach Litauen zu gehen. Es ist nicht nur günstig und bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten zum Studieren und zum Reisen an, sondern auch eine sehr gute Möglichkeit sich persönlich in einem unbekannten Umfeld weiterzuentwickeln.