Aktuelle Forschungsprojekte Gesundheits- und Lebensorientierung für Care Leaver

Das Wichtigste auf einen Blick

Kurztitel: Gesundheits- und Lebensorientierung für Care Leaver

Laufzeit: 01. April 2019 bis 31. März 2022

Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Gesundheits- und Lebensorientierung für Care Leaver

Das Praxis-Forschungsprojekt „Gesundheits- und Lebensorientierung für Care Leaver1“ zielt auf die Verbesserung der psychosozialen Gesundheits- und Lebenssituation von Care Leavern in spezifischen Problemlagen und damit auf deren gesellschaftliche Teilhabe. Die Laufzeit des vom BMBF geförderten Forschungsprojektes beginnt am 01. April 2019 und endet zum 31. März 2022 und wird in Kooperation mit Praxiseinrichtungen aus den Bereichen Jugendhilfe, Sucht- und Wohnungslosenhilfe sowie Jobcentern und Bildungseinrichtungen durchgeführt.


Ausgangslage des Praxis-Forschungsprojektes:

Eine in den letzten Jahren größer werdende Gruppe junger Menschen in der Bundesrepublik ist durch eine eingeschränkte bzw. verhinderte gesellschaftliche Teilhabe gekennzeichnet. Der quantitativen und qualitativen Bestimmung dieser Zielgruppe von Jugendlichen liegen u.a. folgende Daten und Studienergebnisse zugrunde:

  • Die DJI Studie2 von 2017 dokumentiert ca. 37.000 Straßenjugendliche (29,3% weiblich, 70,7% männlich), also Jugendliche und junge Menschen zwischen 14 – 25 Jahren, die ohne festen Wohnsitz sind. Auffällig ist der hohe Anteil von ca. 64% der Altersgruppe unter 18 Jahren, der zumindest sporadisch im Kontakt mit der Jugendhilfe steht.
  • Im Bereich der Jugendhilfe wurde für 2016 mit einer Gesamtzahl von 1.083.177 ein neuer Höchststand bei der Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung erreicht. Auch die Zahl der „Fremdunterbringungen“ durch die Jugendämter (gem. §§ 27,2; 33-34 SGB VIII) sind weiter angestiegen und umfassen 236.411 Kinder und Jugendliche einschließlich junger Volljähriger. In der Folge scheitern bei ca. 50% der Kinder und Jugendlichen die Interventionen gemäß vereinbartem Hilfeplan3 .

Mit den Fremdunterbringungen gehen für die Betroffenen häufige Ortswechsel sowie wechselnde Bezugs-/Beziehungspersonen einher. Unmittelbar nach Beendigung eines stationären Aufenthalts erhalten mehr als 50% der Klienten keine nachgehenden Angebote der Jugendhilfe und sind auf sich gestellt bzw. auf Unterstützung aus anderen Hilfesystemen angewiesen.4
Für diese als „Care Leaver in spezifischen Problemlagen“ bezeichnete Zielgruppe müssen die bisherigen Hilfeangebote der Jugendhilfe als gescheitert angesehen werden und die aktuelle Lebenssituation muss als sehr prekär beschrieben werden.
Unter Gendergesichtspunkten ist bei den Care Leavern in den letzten Jahren eine immer größer werdende Zahl junger Frauen festzustellen, die analog wie die Gruppe der jungen Männer in der Wohnungslosenhilfe landen. Nach einer Studie5 zur Situation von wohnungslosen jungen Erwachsenen (18 bis 25 J.) hatten 75% der jungen Menschen vor Eintritt der Wohnungslosigkeit Kontakt zur Jugendhilfe. In der TAWO-Studie6 beträgt der Anteil der Personen mit institutionellem Kontakt zur Jugendhilfe 60%. Ebenfalls dokumentiert7 sind bei dieser Gruppe der Care Leaver bzw. jungen Wohnungslosen folgende gravierende Problemlagen:

  • Substanzgebrauchsstörung/ Suchtmittelabhängigkeit (gemäß DSM 5, ICF)
  • psychische Verhaltensauffälligkeiten u. psychiatrische Krankheitsbilder (DSM 5, ICF)
  • defizitäre Ausbildungs- bzw. Erwerbssituationen

Eine Konsequenz daraus ist, dass die Jugendlichen häufiger riskante Problemlösungsstrategien praktizieren und damit die Umsetzung von Maßnahmen zur Teilhabe erschwert werden.8 In der Folge führt das zu gravierenden gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen (Drogenkonsum) sowie Abbrüchen im Bildungs- und Erwerbsverlauf. Hier wird deutlich, dass die bisher vorgehaltenen Integrationsmaßnahmen für diese Zielgruppe nicht adäquat sind. Die Zielgruppe benötigt daher ein spezifisches Setting an professioneller Unterstützung und Förderung.

Methodisches Vorgehen:

Das Praxis-Forschungsprojekt zielt auf die Verbesserung der sozialen Lebens- und Gesundheitssituation. Zur Umsetzung des methodischen Vorgehens gilt es zunächst, einen adäquaten professionellen Zugang für diese Zielgruppe zu erschließen und mit den Fachkräften vor Ort einen „Methodenkoffer-Care Leaver“ zu entwickeln, um damit die Problemlagen der Zielgruppe auch softwaregestützt nachhaltig bearbeiten zu können. Die Umsetzung des methodischen Vorgehens ist wie folgt gegliedert:

  • Professioneller Zugang zur Zielgruppe auf Basis verbindlicher Kooperationsverträge mit den Praxispartnern und Verbesserung des Schnittstellenmanagements (gem. Case Management)
  • Entwicklung einer zielgruppenspezifischen Konzeption und einem spezifischen „Methodenkoffer-Care Leaver“
  • Generierung einer spezifischen Software zur Nutzung der entwickelten Instrumente und zur Dokumentation/Analyse des gesamten Hilfeprozesses (Manual zur Anwendung des Doku-Systems)
  • Entwicklung spezifischer Trainings- und Schulungsmodule (Workshops für Fachkräfte) zur Verbesserung der gesundheitlichen und sozialen Lebenssituation und Qualifizierung/Teilhabe

 



1Care Leaver sind junge Menschen, die in der stationären Jugendhilfe / Pflegefamilien aufgewachsen sind und durch das Verlassen des Aufwachsens / Lebens in öffentlicher Verantwortung der Jugendhilfe gekennzeichnet sind.
2Hoch, C. Straßenjugendliche in Deutschland – eine Erhebung zum Ausmaß des Phänomens. Halle, 2017
3Fendrich, S.; Pothmann, J.; Tabel, A. Monitor Hilfen zur Erziehung 2018. Dortmund 2018.
4Sievers, B.; Thomas, S.; Zeller, M. Nach der stationären Erziehungshilfe Care Leaver in Deutschland. Hildesheim, 2014.
5Knopp, R.; Bleck, C.; Rießen van, A. Abschlussbericht Junge Wohnungslose U25. S.4. Düsseldorf, 2014.
6Frietsch, R.; Holbach, D. Gravierend-komplexe Problemlagen bei jungen Wohnungslosen – aktuelle Forschungsergebnisse, strukturelle und fachliche Konsequenzen in: Gillich, S./ Keicher, R. (Hrsg.). Suppe, Beratung, Politik. S.97. Wiesbaden, 2016.
7Knopp, R.; Bleck, C.; Rießen van, A. Abschlussbericht Junge Wohnungslose U25. S.4. Düsseldorf, 2014.
8Beierle, S. Praxisbericht zur Projektarbeit mit Straßenjugendlichen. Halle, 2017.