Experience Reports Markus Kröll at Brock University, St. Catharines, Canada

 

Die Brock University

Die 1964 gegründete Brock University gilt mit ca. 18.000 Studenten als mittelgroße kanadische Universität. Mit insgesamt knapp 1.800 internationalen Studierenden aus allen fünf Kontinenten hat die Brock ein sehr internationales Profil, welches sich ebenso bei den Dozenten widerspiegelt.

Beherbergt ist die Brock University in St. Catharines, Ontario, welches am idyllischen Lake Ontario im sogenannten „Golden Horseshoe" liegt. Mit den Niagara Falls (ca. 20 Kilometer), Buffalo, NY, (ca. 25 Kilometer) und Toronto (ca. 110 Kilometer) liegen einige Attraktionen in zumindest für kanadische Verhältnisse unmittelbarer Nähe.

Studium

Im Gegensatz zum Studium am RAC war der eigene Stundenplan weniger „verschult". Bereits bei der Zusammenstellung der Kurse wurde Individualität und Eigeninitiative verlangt, was angesichts des breiten Spektrums an angebotenen Fachrichtungen und Kursen sowie der Begrenzung der Teilnehmer pro Kurs Fluch und Segen zugleich darstellte.

Von Seiten der Brock University wurde lediglich eine Empfehlung ausgesprochen, vier Kurse zu belegen sowie drei bzw. fünf Kurse nicht zu unter- bzw. überschreiten.

Diese Limitierung auf fünf Kurse geht eng einher mit einem weiteren gravierenden Unterschied im Vergleich zum deutschen Studienalltag:

Denn ähnlich wie am heimischen Campus umfassen die einzelnen Kurse nicht mehr als drei bis vier Semesterwochenstunden Präsenzzeit. Die angebotenen Kurse bestehen i.d.R. aus entweder zwei 75-minütigen Vorlesungen oder zwei 45-minütigen Vorlesungen plus eines 45-minütigen Seminars, bei dem in Kleingruppen von bis zu 15 Studenten das in den Vorlesungen Erlernte im intensiven Gruppengespräch und mit Hilfe von Präsentationen vertieft wurde. Je nach Fachgebiet kann in Ausnahmefällen noch eine ein- bis zweistündige „Laboreinheit" in den Computerräumen hinzukommen, dessen Besuch dem Studenten jedoch freigestellt ist. Bei Belegung von vier Kursen ergibt sich somit eine reine Präsenzzeit von 12 bis 16 Stunden pro Woche. Das Studium in Canada auf die reine Präsenzzeit zu verkürzen, wäre jedoch irreführend.

Denn das scheinbar aus der geringen Präsenzzeit resultierende Mehr an Freizeit im Vergleich zum Studium am RAC mit seinen bis zu 34 Semesterwochenstunden Vorlesung wird durch das deutlich komplexere Anforderungsprofil der Kurse sowie das ausgeklügelte Prüfungssystem mehr als ausgeglichen.

Während am RAC das Bestehen einer Kurseinheit nur an eine einzelne Prüfungsleistung geknüpft ist, bedarf es zum Bestehen eines Kurses an der Brock University einer Vielzahl an zu erbringenden Tätigkeiten.

Neben (mindestens) einer Klausur in der Mitte (dem sogenannten „Mid-Term") und am Ende des Semesters (final exam), setzt sich die letztendliche Kursnote aus diversen anderen Komponenten zusammen. Diese variieren je nach Dozent und Kurs.

Exemplarisch seien hier einige Prüfungsbestandteile aus meinen Kursen genannt: Performance bei einer Wirtschaftssimulation, Beschreibung des strategischen Vorgehens, unangekündigte Textabfragen vorzubereitender Kapitel, Erstellung eines Marketingplanes, Hausarbeiten, Bearbeitung von Assignments (Zusammenstellung von Aufgaben, die Kursinhalte von zwei bis drei Wochen abdecken und zu Hause bearbeitet werden müssen), Beteiligung in Seminar und Vorlesung sowie Tests.

Studentischer Alltag und Sprache

Auch wenn der Auslandsaufenthalt mich „nur" in einen anderen Teil der „westlichen Hemisphäre" führte, so waren doch einige erhebliche kulturelle Unterschiede festzustellen.

Als hervorstechende Merkmale seien hier die Multikulturalität, die außerordentliche Hilfsbereitschaft sowie Freundlichkeit und das Verständnis und der Umgang mit Distanzen zu nennen.

Wer plant, die Brock University zu besuchen, wird zwangsläufig in Toronto landen, einer Stadt, die sich die Bezeichnung „melting pot" wahrlich verdient hat und spiegelbildlich für das Einwandererland Canada steht: ob italienisches, portugiesisches oder chinesisches Viertel, das Stadtbild zeigt sich bunt und bringt mehrere Kulturen aus den verschiedensten Ländern zusammen.

Ein willkommener Nebeneffekt dieser „Multi-Kulti-Gesellschaft" für all jene, die Englisch bislang außerhalb von Schule und Studium allenfalls im Urlaub gesprochen haben, ist die Tatsache, dass von den Einheimischen - die in vielen Fällen selbst vor einigen Jahren/Jahrzehnten als Neuankömmlinge ins Land kamen- kein lupenreines Oxford-Englisch erwartet wird, sondern allerlei Akzente munter nebeneinander existieren und den Einstieg in die ungewohnte „Alltagssprache Englisch" erheblich erleichtern.

Ein weiteres charakterisierendes Merkmal stellt in meinen Augen die Hilfsbereitschaft und der freundliche Umgang der Menschen untereinander dar. So war es die ersten Wochen durchaus befremdlich, von Busfahrern beim Ein- und Aussteigen gegrüßt bzw. verabschiedet zu werden und sich umgekehrt von Ihnen beim Aussteigen mindestens mit einem Danke zu verabschieden, in Geschäften konsequent nach dem eigenen Wohlergehen gefragt zu werden und auf der Straße bei kurzzeitigem Verharren gefragt zu werden, ob man Hilfe benötige.

Ebenso halte ich die Begeisterung und das Interesse, mit der im persönlichen Gespräch immer wieder nach meiner Einstellung und meiner Einschätzung Kanadas gefragt worden bin, für bemerkenswert. Doch nicht nur in Bezug auf die Sicht des eigenen Landes durch einen Gast waren die Kanadier sehr interessiert. Mit ebenso viel Begeisterung wurden Fragen zu Deutschland und Europa gestellt, wobei die Frage nach der deutschen Autobahn nie fehlen durfte. Der Kanadier scheint von der Vorstellung schneller als 120 Km/h fahren zu können einfach fasziniert zu sein.

Dies hat wohl nicht zuletzt mit den erheblich größeren Distanzen in seinem Heimatland zu tun. Denn wer gewohnt ist, den „Supermarkt um die Ecke" in maximal fünf Minuten zu erreichen, wird in Canada schnell eines besseren belehrt. Distanzen sind hier relativ und werden in Zeiteinheiten und nicht in Kilometern bemessen, so dass Fahrten von acht Stunden z.B. nach Montreal keinerlei Besonderheit darstellen. Der wöchentliche Einkauf in den örtlichen grocery stores, die wie auch die meisten Restaurants und Bars als Franchiseunternehmen oder von großen Ketten betrieben werden, bedarf in der Regel längerer Anfahrtszeiten zu einer der vielen Malls, die das Stadtbild in Übersee anstelle der europäischen Innenstädte prägen und sieben Tage die Woche ihre Türen für Kunden öffnen, meist bis spät in den Abend hinein.

Wesentlich rigider geregelt ist hingegen das kanadische Nachtleben. Bedingt durch ein Alkoholausschankverbot nach 2 Uhr schließen in der Regel auch sämtliche Lokalitäten spätestens zu dieser Uhrzeit, zudem ist das Mitführen von Identitätsnachweisen strengstens erforderlich.

Organisatorisches

Anreise und Visabestimmungen

Hier stehen grundsätzlich zwei Optionen zur Verfügung: die Einreise über Toronto oder über die USA. Letzteres ist jedoch mit deutlich schärferen Visabestimmungen verbunden und man sollte sich frühzeitig um ein Visa für die USA bemühen.

Die Einreise über Toronto erfolgt im Vergleich dazu wesentlich leichter, zumindest wenn der Aufenthalt nicht länger als ein Semester dauern soll. Für Studienaufenthalte bis zu sechs Monaten bedarf es keiner vorherigen Visabeantragung. Stattdessen wird das Visum nach Vorlage des Immatrikulationsbescheides beim „Immigration office" des Einreiseflughafens (i.d.R. Toronto) erteilt. Dieses Visum birgt jedoch den Nachteil, dass damit jegliche Arbeitstätigkeit (auch am Campus selbst) in Canada untersagt ist.

Einmal in Canada eingereist, ist auch die Einreise in die USA ohne vorherige Visabeantragung in Deutschland prinzipiell möglich, wobei die Vorschriften zum 1.01.2009 verschärft worden sind.

Unterkunft

Als Unterkunft bietet sich zum Einen der Verbleib in einem der vielen universitätseigenen Wohnheime an, zum Anderen ist die Internetseite www.brocku.ca/ocl empfehlenswert.

Hier wird von Seiten der Brock University ein Portal zur Verfügung gestellt, über das die zahlreichen Besitzer von Gästezimmern, Apartments und Häusern und die wohnungssuchenden Studenten untereinander in Kontakt treten können und bereits vor Abflug problemlos eine Bleibe organisiert werden kann. Auch wenn es zunächst etwas beängstigend klingen mag, empfehle ich all jenen, die das individuellere Wohnen abseits des Campus der organisatorisch bequemeren Variante Wohnheim vorziehen, mit dem Abschluss eines Mietverhältnisses bis zur Ankunft in St. Catharines zu warten, da dort die Lage der Wohnung besser überblickt werden kann.

Die Zahl der Angebote steigt, je näher das neue Semester rückt, und es gibt eventuell die Chance, in einer Wohngemeinschaft unterzukommen, die den Einstieg vor Ort erheblich erleichtert.

Transport

Als Transportmittel steht in St. Catharines während des Semesters ein Busnetz zur Verfügung, das halbstündlich bzw. abends stündlich zwischen 6:30 Uhr und 23:15 Uhr alle Stadtteile der weit verstreuten Stadt abdeckt. Die Benutzung wird durch die Studiengebühren abgedeckt. Wer sich dazu entscheidet, fernab vom Campus zu leben, sollte jedoch über die Anschaffung/Leasen eines eigenen Autos nachdenken.

Für Reisen in sämtliche große Städte wie Toronto, Montreal, Quebec, Buffalo, Detroit, Chicago oder auch New York stehen zahlreiche Busrouten zur Verfügung, die von den beiden Unternehmen Coach Canada bzw. Greyhound angeboten werden. Alternativ lohnt bei Reisen in die USA auch immer ein Blick auf die Homepage des Flughafen Buffalos, der nur ca. 50 Kilometer von St. Catharines entfernt ist.

Krankenversicherung und medizinische Versorgung

Die Brock University schließt für seine Studenten eine obligatorische Krankenversicherung ab, die unter strikten Auflagen wieder gelöst werden kann, sofern ein eigener ausreichender Versicherungsschutz vorliegt. Für ein Semester betragen die Kosten ca. CAN$ 250. Medizinische Versorgung wird ebenfalls am Campus angeboten. Bei Notfällen ist zudem der Besuch von sogenannten „Walk-Inn"-Clinics möglich. Da ich keinerlei medizinische Versorgung in Anspruch nehmen musste, kann ich zu Umfang und Qualität der Leistung sowie deren Abrechnung allerdings keinerlei Auskunft geben.

Markus Kröll 

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