Experience Reports Lars Bruchhaus at the University of Riga, Latvia

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Motivation bzw. Entscheidung für das Zielland

Den Wunsch, ein Auslandssemester zu absolvieren, hatte ich schon seit Beginn meines Studiums. Zum Glück wird man durch unser International Office auch mehrfach im Jahr durch Events aus dem studentischen Alltag „gerüttelt“ und erinnert, dass man diesem mithilfe eines Auslandssemester auch entfliehen kann.

Dass meine Wahl letztendlich auf Lettland gefallen ist, war allerdings nicht von vornherein geplant. Klar war jedoch, dass es in ein „untypisches“ Land für ein Auslandssemester gehen sollte. So standen bei mir auch Georgien oder auch Finnland zur Auswahl. So richtig habe ich mich vorher auch noch nie mit dem Baltikum beschäftigt. Als ich mich während der Planung jedoch näher mit dem Land beschäftigt habe, war es für mich klar, dass es nach Lettland gehen sollte.

Organisation des Auslandsaufenthaltes

Die Organisation des Auslandsaufenthaltes habe ich mir persönlich viel schlimmer vorgestellt. Jedoch hat unser International Office, der Bereich Sprachen/Internationales am RAC jahrelange Erfahrung und hilft einem bei jedem Schritt, sodass man sich im Ganzen sehr gut betreut gefühlt hat. Auch der „ERASMUS SMS Leitfaden“ auf unserer Homepage war nützlich, damit man nichts vergessen kann.

Finanzierung und Kosten

Da ich mir in meiner bisherigen Studierendenlaufbahn schon mehrfach Info-Veranstaltungen zum Auslandssemester angehört habe, wusste ich ziemlich genau welche Mittel zur Finanzierung es gibt. Leider war für mich das Auslandsbafög keine Option, da ich „dem Grunde nach“ nicht mehr Bafög berechtigt war. Dann habe ich mich näher in das Erasmus+ Programm eingelesen und dieses als ein Weg der Finanzierung gewählt. Da dies aber bei weitem nicht ausreicht (in 2018 monatlich ca. 300€ ERASMUS Zuschuss) habe ich zusätzlich einen Bildungskredit des Bundesverwaltungsamtes beantragt. Durch diese Finanzierungen und mein eigenes Erspartes hatte ich dann ein gutes Polster, um das Auslandssemester zu bestreiten.

Die Kosten in Riga konnte ich vorher ganz gut planen, da ich eine lettische Arbeitskollegin habe, die mich gut aufgeklärt hat. Im Grunde sind die Lebenshaltungskosten innerhalb von Riga sehr ähnlich zu denen in Deutschland. Deshalb habe ich die Kosten auch sehr ähnlich kalkuliert. Was man aber auf keinen Fall vergessen sollte ist, dass man nicht nur zum leben und studieren ins Auslandssemester geht, sondern auch um Spaß zu haben und sich das Land und Umgebung anzuschauen. Das sollte man unbedingt vorher schon mit einplanen!

Meine Kalkulation vor dem Antritt:

Akademische Fragen und Anerkennung der Leistungen

Dieser Punkt hat sich für mich am RheinAhrCampus als sehr unkompliziert herausgestellt. Ich habe mich für die Anerkennung des Auslandssemesters als Praxisphase entschieden, wobei eine bestimmte Anzahl von Kursen und Credits belegt werden muss. Die Kurswahl ist mit den Praxissemesterbetreuern am RAC im Vorfeld abzusprechen, die Kurse können z. B. aus den Bereichen Business oder Interkulturelles kommen oder auch Sprachkurse sein. Der Fachbereich WiSo erkennt dann das Auslandssemester mit pauschal 15 bis 33 ECTS Credits an, so lange man eine vorgegebene Anzahl an Kursen im Ausland besucht hat. Dies erspart einem eine Menge Stress, wie ich dann später bei meinen Mitbewohnern erkannt habe, die an der Gastuni Kurse suchen mussten, die sie an ihrer Heimathochschule in dem jeweiligen Semester hätten besuchen müssen, was viel komplizierter war. Außerdem ermöglicht es einem einen gewissen Freiraum in der Kurswahl.

Bewerbung an der Gasthochschule

Das Bewerbungsverfahren wird durch die Rundmail an alle Studierende am RAC im Januar gestartet. Daraufhin kann man sich bis Mitte Februar für einen Platz an einer Gasthochschule zu bewerben und kann sogar mehrere Länder angeben in denen man am liebsten sein Auslandssemester absolvieren möchte. Nachdem ich den Zuspruch für Lettland erhalten habe, musste ich mich noch bei der Universität in Riga bewerben. Dies ging aufgrund der fortgeschrittenen Digitalisierung der baltischen Staaten sehr unkompliziert und schnell. Der komplette Bewerbungsprozess inklusive Kurswahl wird dort in einem Onlineportal geführt.

Unterkunft

Bei der Suche der Unterkunft muss ich zugeben, dass ich das ganze etwas unterschätzt habe. Zwar hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es in Osteuropa einfach sei, schnell preiswerten Wohnraum in zentraler Lage zu finden und auch der recht niedrige ERASMUS-Satz für Lettland scheint diese Annahme zu unterstützen. Allerdings ist es dann doch nicht so einfach eine Wohnung zu finden, da man nicht auf zahlreiche Onlineportale zurückgreifen kann. Zum Glück habe ich mich bei der Wohnungssuche schon mit einer Kommilitonin des RheinMoselCampus, die auch in Riga ihr Auslandssemester absolviert hat, zusammengetan. Zusammen haben wir dann hauptsächlich über Facebookgruppen nach Wohnungen gesucht. Letztendlich habe ich eine sehr schöne Wohnung in zentraler und ruhiger Lage bekommen. Ich habe allerdings von vielen anderen Internationals gehört, dass sie zu lange gewartet haben und dann schließlich in einem Studentenwohnheim gelandet sind, welches wohl nicht so schön war.

Anreisevorbereitung (Flugbuchung, Zahlungsmittel, Versicherungen, Visum)

Die Vorbereitungen für mein Gastland Lettland waren nicht all zu groß, da sich Lettland unter anderem seit 2004 in der EU und seit 2014 auch als Mitglied des Euro-Währungsgebietes zählen darf. Die Flugbuchung hat sich besonders einfach und kostengünstig dargestellt, da mittlerweile auch Ryanair und Easyjet nach Riga fliegen. Somit sind die Flugkosten eher zu vernachlässigen. Als Zahlungsmittel nutzen die Letten natürlich den Euro. Ich kann nur jedem empfehlen sich vor Antritt bei seiner Bank zu informieren, wie viel Bargeldabbuchungen und Kartenzahlungen im Ausland kosten und sich ggf. eine Kreditkarte fürs Auslandssemester anzuschaffen. Auf eine zusätzliche Auslandskrankenversicherung habe ich verzichtet, da man innerhalb Europas meistens mitversichert ist und bei dringenden Fällen ein Flug nach Deutschland sehr kostengünstig und kurzfristig zu bekommen ist. Ein Visum benötigt man innerhalb der EU natürlich nicht, allerdings sollte man sich frühzeitig Gedanken über ein Visum machen, wenn man sich z.B. Russland näher anschauen will.

Gasthochschule

Meine Gasthochschule in Riga war die Latvijas Universitate. Diese ist mit ca. 28.000 Studenten die größte Universität Lettlands. Demnach ist das Angebot der Studienfächer auch entsprechend groß. Nicht nur Business Administration auch Ingenieurswesen, Informatik und viele andere Studienfächer kann man dort absolvieren. Die verschiedenen Fakultäten sind in der ganzen Stadt verteilt. Die Fakultäten der Naturwissenschaften und Medizin haben seit diesem Jahr auch ein sehr neues und modernes Gebäude.

Organisation und Kontakte

Genauso unkompliziert wie die Bewerbung an der Universität hat sich auch die Organisation gezeigt. An der Gasthochschule hat man mehrere Koordinatoren, die sich um alle Internationals kümmern, so wie einen eigenen Koordinator für die Erasmus-Studenten. Auf Fragen und E-Mails wurde immer sehr schnell geantwortet. Vor Ort kann man zu bestimmten Zeiten auch persönlich mit einem Koordinator reden.

Akademische Besonderheiten bzw. Unterschiede zur Heimathochschule

Was mir zu allererst in der ersten Vorlesung aufgefallen ist, war die Größe der Gruppe. Meistens saß ich in einer Gruppe von 10-15 Personen in einem Kurs. Außerdem hatte ich zu Beginn den Eindruck, dass die Austauschstudenten nur unter sich in gesonderten Kursen sitzen. Allerdings habe ich nach einer Weile immer eine Hand voll Letten in den Kursen kennengelernt. Diese erzählten mir dann auf Nachfrage, dass es an der Universität für manche Studienfächer ein lettisches Programm so wie ein internationales Programm gibt. Dies hat sich natürlich auch in der Qualität der Vorlesungen wiedergespiegelt. Die Professoren beherrschten alle durchweg die englische Sprache auf einem guten Level, so dass man ohne Probleme folgen konnte. Auch die Größe der Gruppen war sehr angenehm und regte zu Diskussionen an. Eine normale Veranstaltung bestand meist aus einer Vorlesung mit anschließendem Seminar, in dem man die Theorie in der Praxis umsetzte. Was mich aber am meisten erstaunt hat, war die Gestaltung der Prüfungsleistung. Anders als in den meisten deutschen Hochschulen besteht die Prüfungsleistung nicht aus einem „großen“ Examen am Ende des Semesters, sondern aus vielen kleinen Teilleistungen. Darunter fielen Präsentationen, Hausarbeiten, Tests und bis auf eine Ausnahme sogar eine mündliche bzw. Aktivitätsnote. Zu Beginn war ich etwas überfordert, da wir direkt in der ersten Woche etliche Hausarbeiten und Präsentationen vorbereiten mussten. Dadurch war man allerdings auch auf eine Weise „gezwungen“ regelmäßig zu den Veranstaltungen zu gehen, da man bei fast jeder Veranstaltung einen Teil seiner Gesamtleistung vollbringen kann. Dieses System hat mich persönlich sehr angesprochen, weshalb ich mein Auslandssemester zu dem persönlich erfolgreichsten Semester meiner Studienlaufzeit zählen würde. Gerade für die Betriebswirtschaftslehre halte ich dieses System für wesentlich sinnvoller als ein großes Examen am Ende des Semesters, da man dort meist nur dem „Bulimie-Lernen“ folgt und die gesamte Theorie sowieso nach kurzer Zeit wieder vergisst.

Kurswahl

Bei der Kurswahl hatte ich aufgrund unseres sehr liberalen Systems viel Spielraum. Natürlich bestand der Hauptbestandteil meiner Veranstaltungen aus dem Katalog der Businessfakultät. Allerdings konnte ich auch einen lettischen Sprachkurs an der geisteswissenschaftlichen Fakultät sowie den Kurs „History of Latvian Culture“, der zu einem speziellen „Baltic Sea Studies“ Programm gehörte, besuchen. Die einzige Grenze, die ich bei der Kurswahl gespürt habe, war der Stundenplan sowie meine Zeit.

Aufenthalt im Gastland

Leben in der „neuen Heimat auf Zeit“

Das Leben in der „neuen Heimat auf Zeit“ war einfach nur herrlich. Es fängt an bei der Wohnung. In so einer Jugendstilwohnung könnte ich es mir in Deutschland niemals als Student leisten zu wohnen. In Riga ist dies möglich, da so gut wie jedes Haus aus der Jugendstilzeit stammt. Der tägliche Weg zur Universität führte mich durch drei wunderschöne Parks und etliche Jugendstil-Paläste. Den Abend kann man am besten in Vecriga, der Altstadt von Riga, verbringen. Wenn man abends durch die Altstadt schlendert sieht man an jeder Ecke Straßenkünstler und aus den unzähligen Bars kann man Livemusik hören.

In der Freizeit war ich natürlich sehr viel unterwegs. Mit einer Gruppe Erasmusstudenten haben wir zu Beginn unseres Semesters einen Trip in die Region Latgale gemacht. Dort haben wir uns ein Haus mitten im Wald an einem See gemietet. Dort war man wirklich abseits jeglicher Zivilisation. Zum nächsten Supermarkt sind wir fast 2h mit dem Auto gefahren. Dafür war die Natur unberührt und hat zum Wandern eingeladen.

Da Lettland mit seinen 2Mio Einwohnern recht überschaubar ist, habe ich mich auch schnell in der Nachbarschaft umgesehen. Über das Erasmus Student Network (ESN) gab es fast wöchentlich diverse Trips in Nationalparks, Trips nach Litauen oder Estland oder aber auch längere Reisen nach Russland oder Lappland. Eins meiner Highlights war auf jeden Fall der Trip nach Lappland. Wandern im kniehohen Schnee, Polarlichter, Sauna mit anschließendem Eisbad im Meer, Schlittenhunde und auch der Besuch bei Santa Claus waren mit im Programm.

Ein weiteres Highlight hat die „Pirates of the Baltic Sea” Tour dargestellt. Dabei treffen sich jedes Jahr die Erasmusstudenten aus Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen in Helsinki, um von dort aus mit einem riesigen Schiff nach Stockholm zu schippern und wieder zurück. Auf dem Schiff habe ich mich gefühlt wie auf der Titanic. Mit über 2000 Studenten auf einem Schiff hat es natürlich auch nicht an Entertainment gemangelt. Stündlich gab es Programm an Bord und auch die Shows am Abend waren inklusive. Das man so gut auf einem Schiff feiern kann, hätte ich nicht gedacht.

Auch sportlich kann man sich in Riga vor allem aber in der Universität einbringen. Die Universität bietet zahlreiche Sportkurse, an denen selbstverständlich auch die Internationals teilhaben können, an. Ich persönlich habe meine alte „professionelle“ Tischtenniskarriere wieder aufleben lassen und habe für die Universität auch an einer Universitätsmeisterschaft teilgenommen.

Menschen und Kultur

Mein erster Eindruck der Letten in Riga war erstmal ernüchternd. Im Service oder auch im Supermarkt erschienen mir die Menschen noch „kühler“ als in Deutschland. Ich habe nicht geglaubt das dies überhaupt möglich sein kann. Doch dieser Eindruck hat sich schnell geändert als ich ein bisschen mehr mit den Letten in Kontakt gekommen bin.

Da ich auch in der Universität einen Kurs zur Geschichte der lettischen Kultur absolviert habe, habe ich nach einiger Zeit verstanden wieso die Letten so „kühl“ nach außen wirken. Lettland hat eine sehr wechselvolle Vergangenheit hinter sich. Wirklich unabhängig sind sie erst seit etwa 1991. Davor wurden sie von den unterschiedlichsten Machthabern regiert – mal vom Deutschen, mal von Schweden, Polen oder Russland. Ich glaube deshalb sind die Letten nach Außen erstmal misstrauisch.

Was ich allerdings auch gemerkt hab ist, wie stolz die Letten auf ihr Land sind. Fast jedes Wochenende versammeln sich hunderte Menschen um die Freiheitsstatue in Riga, um irgendein Fest zu feiern. Diese Art von Nationalstolz war für mich erstmal etwas komplett Neues. Außer beim Fußball ist es dem deutschen ja historisch gesehen verboten so etwas zu zeigen.

Was die Kultur angeht habe ich nicht viele Besonderheiten festgestellt. Sie ist natürlich geprägt worden durch die zahlreichen Länder, die Lettland im Laufe seiner Jahre besetzt haben. Demnach war es für mich nicht mehr verwunderlich, dass das typisch „lettische“ Essen aus einer Schweinshaxe mit Kartoffelpüree und Sauerkraut besteht. Und genau dieses „typische deutsche“ findet man in vielen Aspekten.

Auch vertreten sind natürlich die Einflüsse aus Russland. Gerade in Riga bemerkt man schnell die Trennung zwischen Russen und Letten. Es gibt ganze Viertel in Riga in denen nur Russen leben. Noch immer leben 330.000 ehemalige Sowjetbürger in Lettland und Estland unter dem Status eines „Nichtbürgers“. Diese dürfen nicht wählen sowie keine Beamten, Polizisten und Armeeoffiziere werden. Außerdem werden sie bei der Rente und bei Reisen benachteiligt.

Fazit

Für mich war das Auslandssemester in Lettland eine der schönsten Erfahrungen in meinem Leben. Ich bin sehr froh das Abenteuer angetreten zu haben. Ich kann nur jedem empfehlen auch nach Lettland zu gehen. Die anfängliche Sorge, dass ich in einem „heruntergekommenen“ Ostblockstaat mein Semester verbringen werde, hat sich überhaupt nicht bewahrheitet. Riga mit seiner malerischen Altstadt und zahlreichen Parks ist eine der schönsten Städte die ich je besucht habe. (Davon kann sich so manche deutsche Stadt erstmal eine Scheibe abschneiden) Ich kann nur jedem raten – sofern es im Studium möglich ist – ein Auslandssemester zu absolvieren. Die Erfahrungen die man dort erlebt sind einmalig.

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