Aktuelles Online oder Offline – Lehre und Lernen im Zeitalter der Digitalisierung

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Ein Bericht im Rahmen der vergangenen Projektphase von Andreas Hesse mit Jennifer Derichs, Sabrina Heinrichs, Stefan Hoffmann, Natalie Raczkowiak und Henrietta Rieken.

  • Tabelle 1, Abb. 1 - Bewertungskriterien

  • Abb. 2 – Hochschul-Vergleich

  • Das Team

Ein praxisnahes Studium der Wirtschaftswissenschaften findet heute nicht mehr ohne Laptop, Tablet und Smartphone statt – weder auf Seiten der Studierenden noch auf Seiten der Lehrenden. Auch wenn es Tafel und Overhead-Projektor noch in vielen Räumen gibt, beschäftigen sich Lehrende und Lernende der Hochschule Koblenz mit der Frage, wie sich Lehre und Lernen im Zeitalter der Digitalisierung weiterentwickeln.

Im Rahmen ihrer Projektphase sind fünf Marketing-Studierende, beauftragt und betreut durch den Dozenten Andreas Hesse, dieser Frage nachgegangen. „Nach einigen Experimenten, welche Lehrformate handhabbar sind und wie diese von Wirtschafts-Studierenden angenommen werden, ging es mir darum, weitere Perspektiven auf das Thema zu erfassen. Daher haben wir Schüler, Studierende, Dozenten und Experten befragt, welche Erwartungen, Möglichkeiten und Hindernisse die Digitalisierung von Lehre und Lernen beeinflussen.“ fasst Andreas Hesse zusammen, „die Ergebnisse sind klar: es gibt nicht die eine Antwort, wie man Lehre und Lernen digitalisieren sollte, vielmehr erscheint eine intelligente (smarte) Verzahnung von Online- und Offline-Stärken als vorteilhaft.“

Was ist „Digitales Lernen und Lehren“ überhaupt?

Wie so häufig bei jungen Phänomenen in der Wirtschaftswelt, so wird der Begriff der Digitalisierung in den letzten Jahren eher „wild“ und ohne klare Definitionen eingesetzt. Im Projekt wurde daher zunächst folgendes Verständnis erarbeitet: „Digitales Lernen und Lehren ist die zeit- und ortsunabhängige Verwendung von online zur Verfügung gestellten Lernmedien (Videos, Podcasts, Chats, etc.) in Lern- und Lehrprozessen.“

Für wen ist digitales Lernen und Lehren relevant?

Digitale Lernangebote, insbesondere als Begleitmaterial, sind heute bereits in fast allen Lehrveranstaltungen vorhanden und lösen immer häufiger das klassische Lehrbuch ab – und das ist für die breite Masse der klassischen Vollzeit-Studierenden angemessen. Diese Kernzielgruppe unterliegt gerade auch einem Generationenwechsel: die sogenannte Generation Z steht vor der Hochschul-Pforte, junge Menschen, die mit Smartphone, sozialen Medien und ständigem Internet- und Informationsszugang aufgewachsen sind. Darüber hinaus wächst die Bedeutung verschiedener Spezial-Zielgruppen: alleinerziehende Studierende, berufstätige Studierende, Fernstudierende oder auch gehandicapte Studierende. Diesen Gruppen haben gemeinsam, dass für sie aufgrund familiärer, beruflicher oder gesundheitlicher Situation das etablierte Präsenzstudium nicht uneingeschränkt möglich ist. Digitale Lernangebote können hier helfen, Grenzen von Zeit und Raum zu überwinden.

Wo steht die Hochschule Koblenz im Vergleich zu anderen Hochschulen und Universitäten im Bereich Wirtschafts-wissenschaften?

Auf der Basis von Expertengesprächen und Internet-Recherchen wurden im Projekt Kriterien festgelegt, die einen illustrativen Vergleich verschiedener Hochschulen ermöglichen. Tabelle 1 zeigt die ausgewählten Kriterien (siehe Tabelle in Abb. 1 im Slider).

Je Kriterium erfolgte eine 3-Skalierung, und nach Vor-Ort-Ansicht oder webbasierter Recherche eine Vergabe der Punkte durch das Projektteam. Die Ergebnisse konnten anschließend in drei Clustern veranschaulicht werden. Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und die HTW Saar bildeten die Schlusslichter in der Gruppe der „wenig digitalisierten“. Die Hochschule Koblenz (Fachbereich Wirtschaftswissenschaften) reihte sich im unteren Mittelfeld neben der Hochschule Worms und der Universität Marburg ein. In die Gruppe der „sehr digitalisierten Hochschulen“ ordnete man die Universitäten in Mannheim, Paderborn und Düsseldorf ein (siehe Abb. 2 im Slider).

Das Verfahren ermöglicht so einen anschaulichen Vergleich, wenngleich dieser nicht den Anspruch einer tiefgehenden Bestandsaufnahme gerecht werden kann.

Was erwarten und wünschen sich die zukünftigen Studierenden der Generation Z?

Das Projektteam fragte an mehreren Koblenzer Gymnasien an und erreicht mit 85 auswertbaren Befragungsbögen eine solide Datenbasis. Fast alle der befragten 18- bis 19-jährigen Studienwilligen plant den Auszug von Zuhause. Diese Vertreter der Generation Z nennen WhatsApp und Snapchat als wichtigste Kommunikationsmittel und bezeichnen sich selbst eher als visuelle Lerntypen. Kostenlose Online-Videos und -Tutorials werden zur Lernunterstützung gerne genutzt und das Internet ist ständiger Begleiter auch bei der Vorbereitung von Klassenarbeiten. Die Jugendlichen zeigen sich betont offen gegenüber elektronischen Unterlagen, elektronischen Klausuren und Vorlesungen im Live-Stream. Nichtsdestotrotz nutzen die meisten weiterhin auf Papier gedruckte Lernmaterialien und nur einzelne können sich ein komplett digital durchgeführtes Studium vorstellen.

Das Projektteam hat die Befragung ausgeweitet und neben Koblenzer Schülern noch Schüler im ländlichen Raum in Daun befragt. Während man hier mit einer höheren Bereitschaft rechnete, klassische Präsenzstudiengänge durch digitale Angebote zu substituieren, war das Ergebnis eher vergleichbar zum städtischen Raum: Die meisten Schüler wünschen sich ein klassisches Studium.

Wie erleben Studierende an verschiedenen Hochschulen die Digitalisierung von Lehre und Lernen?

In Campus-Befragungen vor Ort in Koblenz, St. Augustin, Worms und Köln sowie zusätzlich in sozialen Netzwerken konnte das Projektteam 134 auswertbare Befragungsergebnisse binnen drei Wochen von Studierenden erreichen. „Die meisten Studenten lernen am liebsten in den eigenen vier Wänden; die die außerhalb gerne lernen, tun dies am liebsten in der Bibliothek“ fasst das Projektteam zusammen. Die Gruppe der Studierenden nutzt E-Mail und WhatsApp am stärksten für ihre elektronische Kommunikation, virtuelle Informationsmedien und Videos dienen als ergänzendes Lernmaterial. Über 50% der Befragungsteilnehmer machen dabei deutlich, dass Videos nicht länger als 60 Minuten sein sollten. Ganz konkret wünschen sich die Studierenden Formate, die digitale Angebote und Präsenzveranstaltungen mischen, wobei dabei die Präsenzformate deutlich überwiegen sollen. Nur 5% fordern ein überwiegend oder gänzlich digitales Angebot.

Welche Chance und Hürden sehen Lehrkräfte in der Digitalisierung?

Die Perspektive der Professoren und Dozenten ist nicht zuletzt sehr wichtig, da diese verantworten und entscheiden, welche Lehrformate sie einsetzen. An den drei Campus der Hochschule Koblenz wurden über 160 Lehrkräfte im Bereich Wirtschaft eingeladen und dabei 53 auswertbare Befragungsergebnisse online erzielt. Die Lehrkräfte priorisieren E-Mail als wichtigstes elektronisches Kommunikationsmittel, klar vor WhatsApp und SMS. Als ein Hindernis machen Professoren und Dozenten die mittelmäßige technische Ausstattung deutlich, da etwa längst nicht jeder Veranstaltungsort erstklassige Internetanbindung bietet. „Das Ergebnis hat mich wenig überrascht, da ich nun auch schon 4 Semester damit ringe, während Veranstaltungen etwa Direct-Response-Tools für Umfragen einzusetzen oder auf YouTube Videos zu Fallbeispielen zu zeigen. Leider muss man das alles in Offline-Formate bringen, um wirklich sicher zu sein, dass es funktioniert.“ verdeutlicht Projektauftraggeber Andreas Hesse das Ergebnis. Daneben machen die Lehrenden deutlich, dass onlinegestütztes Lernen im Bereich der Kompetenzvermittlung an Grenzen stößt. So lassen sich wichtige Formate wie Gruppenarbeiten, besser in Präsenzveranstaltungen umsetzen. Nichtsdestotrotz schätzt die Gruppe den Einsatz der digitalen Anwendungen in der Lehre als motivierend und attraktivitätssteigernd ein, noch allerdings belastet durch Unklarheiten in Urheberrechtsfragen und einen hohen Vorbereitungsaufwand auf Seiten der Lehrkräfte.

Was sagen die E-Learning Profis und Experten?

Neben den quantitativen Befragungen wurden vertiefende Gespräche mit Medien- und Didaktik-Experten der Hochschule Koblenz, aber auch im Rahmen eines Messebesuchs von anderen Instituten durchgeführt. Diese neun Interviews wurden teilweise persönlich durchgeführt und als Video aufgenommen und fanden auch schriftlich statt.

Die Experten loben die Potenziale des digitalen Lehrens und Lernens, die sie besonders in einer Steigerung der Medienkompetenz, der Berücksichtigung von individuellen Lernfortschritt und der Nutzung von zeitlicher und örtlicher Ungebundenheit verdeutlichen. Gleichsam wird auch hier deutlich gemacht, dass didaktische und methodische Kenntnisse der Lehrenden, technische Voraussetzungen, rechtliche Rahmenbedingungen noch entwicklungsbedürftig sind. Die zunehmende Notwendigkeit eines „lebenslangen Lernens“ wird als weitere übergreifende Entwicklung eingeordnet, die auf Zielgruppen zugeschnittene digitale Lehrangebote erfordert.

Welche Handlungsempfehlungen lassen sich aus den Ergebnissen für den Fachbereich Wirtschaftswissenschaften ableiten?

Lehrszenarien: Die empirischen Ergebnisse aus verschiedenen Perspektiven zeigen klar auf, dass die vorhandenen Präsenz-Studiengänge konsequent durch digitale Lern- und Lehrangebote ergänzt werden sollten. Sogenannte „Blended Learning“-Angebote, als Mischform von Online- und Offline-Formaten, erscheinen als anzustrebende Lösung. Der – unabhängig von diesem Forschungsprojekt – im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften eingeschlagene Weg, die Nutzung von MyStudy als Lernmanagementsystem durch OLAT zu ersetzen, passt sehr gut zu den Projektergebnissen. Erklärende Lehrvideos in den Vorlesungen, aber auch als Downloadangebot, sowie Vorlesungs-aufzeichnungen, die eine individuelle zeitliche und örtliche Nutzung ermöglichen, werden empfohlen. Dabei sind Videos möglichst kurz und sequentiell zu gestalten und interaktive Response-Tools innerhalb der Präsenzveranstaltungen besonders wertvoll.

Anreize für Lehrende schaffen: Eine zweite Handlungsempfehlung besteht darin, Lehrkräfte zu motivieren, stärker in die Umsetzung von zuvor genannten Lehrszenarien zu investieren. Dies kann und sollte durch die Förderung von Vorzeigeprojekten erfolgen, aber auch durch die Verstärkung des personellen Unterstützungsangebotes sowie die Erweiterung des Angebotes von Medientrainings für Lehrkräfte erfolgen.

Digitalisierungsstrategie: Darüber hinaus empfiehlt die Projektgruppe eine hochschulweite und standortübergreifende Digitalisierungsstrategie zu entwickeln und umzusetzen. Angefangen mit technischen Voraussetzungen (z.B. Internetzugang, Räumlichkeiten), Unterstützungsangeboten in rechtlichen Fragen und der gemeinsamen einheitlichen Nutzung von Lernmanagementsystemen bis zu möglichen Kooperationen, die auch die Praxisnähe und Internationalisierung der Hochschule unterstützen können, gehen die Vorschläge des Teams.

„Für uns als Projektteam ist klar, dass es keine Frage gibt, ob es Handlungsbedarf in Sachen Digitalisierung an den verschiedenen Hochschulen gibt, sondern eigentlich nur wie diese auszugestalten sind. Es geht kein Weg daran vorbei, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. So haben wir zum Beispiel unsere Projektergebnisse nicht mehr in Papierform abgegeben, sondern als Webseite inklusive Videos, Infografiken, Präsentationen und vielen Verlinkungen zu weiteren Quellen eingereicht.“ resümiert das Projektteam.

Wie passen die Ergebnisse zu bereits vorhandenen Projekten und Aktivitäten?

Der Wunsch nach einer Mischform von Präsenz- und Online-Formaten ist nicht neu und bereits in anderen Experimenten deutlich geworden. „Wir haben in den Einführungsvorlesungen ABWL in den vergangenen Semestern diverse Formate getestet. Sowohl in Befragungen als auch in Gruppendiskussionen zeigen die Studierenden, dass sie selbst entscheiden möchten, welche Lernform sie nutzen. Ein zusätzliches digitales Angebot ist daher willkommen, wohingegen eine Ablösung der Präsenzveranstaltung durch ein digitales Angebot nicht willkommen ist. Die Studierenden sind dabei offen für solche Experimente oder auch Nutzung von Direct-Response Tools, aber sie sind auch nicht gerade die Treiber dessen.“ fasst Andreas Hesse seine Erfahrungen zusammen.

Für den Fachbereich Wirtschaftswissenschaften ist die Entwicklung eines Blended-Learning Studiengangs im hochschulübergreifenden Projekt „Work-and-Study“ ein wichtiger Schritt, Erfahrungen in diesen Bereichen zu sammeln, auch um diese im allgemeinen Lehrbetrieb zu nutzen. „Wir haben darüber hinaus die Entscheidung getroffen, in Zukunft ausschließlich OLAT als Lernmanagementsystem zu nutzen, d.h. komplett auf MyStudy zu verzichten.“ hebt Dekan Prof. Dr. Holger Reinemann die richtungsweisende Entscheidung des Fachbereichs hervor.

Bei Interesse steht Ihnen Herr Hesse für weitere Fragen zur Verfügung.